0,4 Prozent: warum Giropay an der Spitze der Casino-Empfehlungen stand, aber am Boden des Marktes blieb
Eine der ehrlichsten Zahlen, die ich kenne, wenn es um den deutschen Zahlungsverkehr geht: 0,4 Prozent. Das war der Marktanteil von Giropay am gesamten deutschen Online-Zahlungsmarkt im Jahr 2023 — Schlussrang im Ranking der gängigen Bezahlmethoden. Dieselbe Methode war in Casino-Vergleichstexten regelmäßig unter den Top-3-Empfehlungen, bei vielen Lesern Lieblingsmethode und in Branchen-Diskussionen als technisch solideste deutsche Bankzahlung anerkannt. Diese Kluft zwischen Wahrnehmung und Marktrealität ist eines der lehrreichsten Phänomene des modernen Zahlungsverkehrs.
Die Zahl 0,4 Prozent im Kontext
Eine Erinnerung an eine Diskussion 2023: ich präsentierte einer Gruppe Branchen-Kollegen die Statista-Statistik, die Giropay den letzten Rang im deutschen Online-Zahlungs-Ranking zuwies. Die Reaktion war Schweigen. Niemand wollte glauben, dass eine Marke, die sie täglich in Casino-Vergleichstexten priesen, im breiteren E-Commerce-Markt so weit hinten lag. Erst nach mehreren Minuten kam die ehrliche Einsicht: wir alle hatten Giropay aus unserer iGaming-Brille gesehen, nicht aus der Marktperspektive.
Im Jahr 2023 erreichte Giropay nur einen Anteil von 0,4 Prozent am deutschen Online-Zahlungsmarkt und belegte damit den letzten Rang im Ranking der gängigen Bezahlmethoden. PayPal lag bei rund 28 Prozent, Lastschrift bei etwa 20 Prozent, Kreditkarten bei 12 Prozent, Rechnung bei 11 Prozent. Selbst Apple Pay und Google Pay, beide deutlich später am Markt, hatten Giropay längst überholt.
Diese Zahl ist nicht das Ergebnis fehlerhafter Methodik. Sie ist die ehrliche Repräsentation der tatsächlichen Nutzung. Giropay war in vielen E-Commerce-Anwendungen verfügbar, wurde aber selten gewählt — weil die Konsumenten andere Methoden bevorzugten, weil die Sichtbarkeit auf Bezahlseiten gering war und weil der wahrgenommene Mehrwert gegenüber etablierten Methoden nicht ausreichte.
45 Millionen Registrierungen gegen aktive Nutzung
Hier wird die Diskrepanz konkret. Giropay hatte zum Zeitpunkt der Abschaltung etwa 45 Millionen registrierte Nutzer in Deutschland. Diese Zahl klingt eindrucksvoll und wurde in vielen Marketing-Materialien hervorgehoben. Sie verbarg aber eine entscheidende Wahrheit: die meisten dieser Registrierungen waren passiv.
Ein großer Teil der Giropay-Registrierungen entstand nicht durch bewusste Anmeldung, sondern durch automatische Aktivierung im Rahmen des Online-Bankings vieler Sparkassen, Volksbanken und Privatbanken. Wer ein Konto bei einer dieser Banken hatte und Online-Banking nutzte, war faktisch in Giropay registriert — ohne es explizit gewählt zu haben. Diese Quasi-Standardaktivierung ergab die hohen Nutzerzahlen, aber sie ergab keine aktive Nutzung.
Konversion ist das Stichwort. Wer registriert ist, aber nie einsetzt, zählt in der Registrierungs-Statistik, nicht in der Marktanteils-Statistik. Bei Giropay lag die Konversion in den niedrigen einstelligen Prozenten — von 45 Millionen Registrierten nutzten geschätzt 1 bis 2 Millionen die Methode aktiv und regelmäßig. Diese Größenordnung erklärt den 0,4-Prozent-Marktanteil deutlich besser als jede Marketing-Erzählung.
Die Branche kennt das Phänomen unter dem Begriff „passive Reach versus active Reach“. Passive Reach ist die theoretische Erreichbarkeit eines Produkts — wer könnte es nutzen, wenn er wollte. Active Reach ist die tatsächliche Nutzung. Bei Giropay war die Lücke zwischen beiden Metriken extrem — eine der größten in der Geschichte deutscher Bezahlmarken. Wero hat diese Erfahrung aufgenommen und investiert vom ersten Tag an in active Reach durch Banking-App-Promotion und P2P-Anreize.
Marketing-Versäumnisse und PayPals Dominanz
Hier kommt die eigentliche Diagnose. Giropay hatte nicht zu wenig technische Qualität, es hatte zu wenig Markenpräsenz. PayPal hat ab den späten 2000er-Jahren systematisch in Deutschland investiert — TV-Werbung, Sponsoring, Cross-Promotion mit großen Online-Händlern, Standard-Integration bei eBay und vielen anderen Plattformen. Diese Investitionen erzeugten Vertrautheit und Verhaltensmuster.
Giropay hatte nichts Vergleichbares. Die Methode wurde von den Banken als technisches Produkt entwickelt und vermarktet — sachlich, korrekt, ohne psychologische Sog-Wirkung. Was bei einem B2B-Produkt funktioniert hätte, scheiterte am B2C-Markt. Konsumenten lassen sich nicht durch sachliche Argumente zum Methodenwechsel bewegen, sondern durch Vertrautheit und einfache Wiedererkennung.
Diese Lehre ist bitter, aber unausweichlich. Eine technisch überlegene Methode mit schwacher Markenführung verliert gegen eine technisch durchschnittliche Methode mit starker Markenführung. Paydirekt GmbH, die hinter Giropay stand, hat das in ihren letzten Jahren erkannt — aber zu spät, um den Trend umzudrehen. Der Verlustvortrag von rund 8 Millionen Euro im Jahr 2023 war die finanzielle Konsequenz der Marketing-Lücke. Im Casino-Segment hatte Giropay eine bessere Position als im allgemeinen E-Commerce, weil iGaming-Vergleichstexte die technische Qualität hervorhoben — aber Casino-Volumen war zu klein, um den Gesamtmarktanteil zu retten.
Was die Zahlen für Wero bedeuten
Wero, der offizielle EPI-Nachfolger von Giropay, hat aus dieser Geschichte gelernt. Mit über 46 Millionen Nutzern in Europa zum Stand November 2025 ist Wero von Anfang an größer dimensioniert als Giropay je war — und zwar nicht durch passive Bank-Registrierungen, sondern durch aktive P2P-Nutzung über Banking-Apps. Diese Differenz ist strukturell, nicht kosmetisch.
Wero verzeichnete bereits im November 2024 — vier Monate nach Launch — 14 Millionen Nutzer und 8 Millionen Transaktionen. Die Konversion von Registrierung zu aktiver Nutzung liegt deutlich höher als bei Giropay. Das hat zwei Gründe: Wero ist mobile-first konzipiert, was der heutigen Nutzungsgewohnheit entspricht. Und Wero positioniert sich als P2P-Lösung zuerst, als Händler-Methode zweitens — was die psychologische Eintrittsbarriere senkt, weil die ersten Erfahrungen mit Familie und Freunden gemacht werden.
16 europäische Großbanken und Zahlungsdienstleister stehen hinter Wero; sie repräsentieren 75 bis 85 Prozent aller Bankkunden in Deutschland, Frankreich und Benelux. Die Commerzbank gab am 11. Februar 2026 die Teilnahme an Wero offiziell bekannt — nach Austritt aus EPI 2022 eine klare Kehrtwende. Diese Konsolidierung der deutschen Banken-Landschaft hinter einem pan-europäischen Standard ist die Antwort auf den Giropay-Niedergang.
Eine pikante Beobachtung am Rande: die Banken, die Giropay über Jahre durchschleppen mussten, sind heute die treibenden Kräfte hinter Wero. Diese Kontinuität ist kein Zufall — die institutionelle Erfahrung aus dem Giropay-Projekt fließt direkt in die Wero-Architektur ein. Was an Vermeidungen aufgebaut wird, ist mindestens so wichtig wie das positive Konzept. Wero soll nicht wiederholen, was Giropay falsch gemacht hat — keine passive Reach-Inflation aus Bank-Standardregistrierungen, keine reine B2B-Vermarktung gegenüber Händlern, keine nationale Beschränkung der Wachstumsbasis.
Was am Ende bleibt, ist eine Lehre, die über den Zahlungsverkehr hinaus geht. Marktanteile entstehen nicht aus technischer Qualität, sondern aus Vertrautheit und Anwendungsfrequenz. Giropay war ein technisch ordentliches Produkt mit einer kommunikativen Lücke. Wero ist ein technisch vergleichbares Produkt mit einer strategisch breiteren Positionierung. Wer den deutschen Zahlungsverkehrs-Markt der nächsten Jahre beobachtet, wird sehen, ob die Wero-Strategie aufgeht — und ob die nächste Verschiebung im Marktanteil dem Modell der Vorgänger oder einer neuen Logik folgt. Eine historische Vertiefung zur Genealogie der deutschen Bezahl-Marken findet sich im Vergleich von Giropay und Paydirekt.